Heute ist Weltvegantag!
Ein Tag ganz im Zeichen der veganen Lebensweise. – Und mein Tag für eine kleine persönliche Zwischenbilanz für die nun fast drei Monate, die ich vegan leben.

Veganismus ist eine Einstellung und Lebensweise,
welche die Nutzung von Tieren und tierischen Produkten ablehnt.
Ich bin vegan. Ich esse keine tierischen Produkte.
Kein Fleisch, kein Fisch, kein Geflügel, keine Milchprodukte
(keine Milch, keinen Käse, keine Butter, keinen Joghurt, etc.),
keine Eier, keinen Honig.
Ich trage keine Kleidung mit tierischen Produkten, wie Leder, Wolle oder Pelz.

Chronologischer Anfang. Am 08.08.2011 sollte es soweit sein, nämlich mein letzter Tag vor dem Vegan sein. Also zelebrierte ich in der ersten Augustwoche eine Abschiedsfeier. Ich aß so viel gelben Käse, Milcheis, Milchreis, Veggie-Cheeseburger, Pommes mit Mayo, Milchschokolade, bis mir wirklich schlecht wurde und ich fast 4kg zugenommen hatte. Mein Magen rumorte und auch mein Darm versperrte sich weiterer Übelheiten, sodass ich am 09.08 doch froh war, diese Abschiedssache hinter mir zu haben. Am Ende zeigte die Waage 104 kg Körpergewicht mit einem Fettanteil von 25 % an.
Der August kam mir dann wirklich zäh vor… Beim Einkaufen ließ ich vieles im Regal stehen, wonach ich vorher noch beherzt zugegriffen hatte. Ich hatte das Gefühl, mich nur noch von Mohrrüben zu ernähren. Dazu kam, dass mich eine heftige Sommergrippe erwischte, die mich gute zwei Wochen außer Kraft setzte. Höhnische Sprüche folgten.
Im September lief es schon besser. Mein Speisenplan wurde erweitert, Hülsenfrüchte, Agavendicksaft, mehr Obst und Gemüse, vegane Alternativen zu Schokocreme und Milcheis und vieles mehr. Das Gefühl von Verzicht wich und etwas mehr Zufriedenheit machte sich breit.
Bei einem kleinen anarchistischen Versandhandel bestellte ich für 10 Euro mein erstes veganes T-Shirt!
Als es endlich per Post ankam, stand auch gleich ein kleines Grillfest an und musste also getragen werden. Mein veganes Statement im engsten Familienkreis!
Um nicht im Kreise der Familie mit leeren Magen und dummem Gesicht dazustehen, bereitete ich mich vernünftig vor. Ich machte meine Besorgungen bei Alnatura, holte mir dort Würstchen aus Seitan und ein Hacksteak aus Weizenproteinen, vegane Mayonnaise für meinen Nudelsalat und eine Backmischung für einen Nusskuchen. Auf dem Grillfest lief ich mit meinem Vegan-T-Shirt auf, was mir dann doch etwas peinlich war. Aber außer von meinem Onkel, der ab und zu die Augen verdrehte, kam nichts. Außerdem war mein Nudelsalat der absolute Renner. Die riesige Schüssel leerte sich und mir wurde von allen Seiten bezeugt, dass der Nudelsalat bombig schmeckte. Der omnivore Nudelsalat meiner Mutter blieb fast unangetastet.

Mangelernährung? Das ist das erste, was einem an den Kopf geworfen wird. – Punkt Eins auf der Liste der Anderen, um mir klar zu machen, sich vegan zu ernähren sei nicht richtig. Meistens bekommt man Vorurteile zu hören, wirklich beschäftigt hat sich niemand mit dem Thema. – Ich glaube nicht an Mangelerscheinungen bei einer ausgewogenen veganen Ernährung. Dennoch werde ich Mitte nächsten Jahres eine Blutuntersuchung machen lassen, um auch den Kritikern die guten Werte unter die Nase reiben zu können. – Mein erstes Aha-Erlebnis diesbezüglich hatte ich schon – beim Blutspenden: Seit 2010 gehe ich (als Vegetarier) regelmäßig Blutspenden. Der Eisenwert ist von Spende zu Spende stetig gesunken. Von zuerst 16,4 – auf 15,8 – dann 15,4 – und 15,2 – auf schließlich 14,3. Aber als ich das erste Mal als Veganer zum Blutspenden ging, war auch das erste Mal der Wert gestiegen, auf 15,1! — Immerhin! :) Das habe ich meinen skeptischen Bekannten natürlich gleich erzählen müssen! (Alle Veganer sind blass, weil denen das Eisen im Blut fehlt! – Ich war schon immer etwas blass und mein Eisenwert ist total im grünen Bereich!)
Peinlichkeiten. Eigentlich sollte man offen und mit einer gewissen Standfestigkeit seine für richtig befundenen Entscheidungen nach außen hin vertreten. Und wenn ich das T-Shirt „Vegan“ zu Hause in meinen vier Wänden voller Stolz trage, so ist es mir in der Öffentlichkeit doch irgendwie etwas peinlich. – Und das bezieht sich nicht einfach nur auf ein T-Shirt. Ein Beispiel: Nach dem letzten Blutspenden folgte das Frühstück. Ich setzte mich. Ein Herr war schon dabei, den Tee zu trinken. Die Schwester kam und hielt mir ein Tablett mit Schrippen, belegt mit Wurst, Käse und Ei, unter die Nase. Ich winkte ab und behauptete, ich wäre satt. Die Schwester aber beharrte darauf, dass ich was Essen muss. Und weil ich sie nicht los wurde, fragte ich, ob sie mir nicht eine Schrippe mit Beilage, also mit Paprika oder Gurke, machen könne. Beilage war leider schon aus. Der Mann mir gegenüber aß seine Schrippe, schlürfte seinen Tee und guckte ab und an rüber. Ich schüttelte den Kopf und die Schwester kam bei meiner unerklärlichen Sturheit nicht weiter. Sie schob mir schließlich eine kleine Schüssel voll mit Keksen vor die Nase. Dann ging sie mürrisch. Ich war froh, dass sie mich endlich in Ruhe ließ! – Hätte ich gleich gesagt, ich ernähre mich vegan, wäre mir diese Nummer erspart geblieben. Aber das Wort kommt mir komischer weise nicht ganz so einfach über die Lippen…
Die Anderen und Ich. Die Anderen machten sich natürlich erst mal lustig. – Aus heiterem Himmel praktiziere ich eine Sache, die irgendwie etwas mit Minderheit oder Sekte oder verweichlichte Öko-Spinnerei zu tun hat. Quittiert wird mir das mit Sprüchen wie „Veganer essen meinem Essen das Essen weg!“. Sprüche, die in der Runde Lacher bringen. Hahaha. Eine Diskussion bringt selten etwas, irgendwann folgt nach sehr wackligen Rechtfertigungsgründen noch Zynismus, und am Ende bleibt mir nur die Frage, ob es sich lohnt, sich in Gesprächen aufzureiben. Denn je mehr man erfährt, sich schlau macht, umso mehr ärgert einen die ungebrochene Anmaßung und Ignoranz der Anderen. – Mittendrin hatten sich Kollegen zum Hobby gemacht, darauf aufzupassen, ob ich nicht doch „heimlich Fleisch esse“ und beäugten und analysierten mein Essen… Aber das alles flaut auch allmählich ab.
Trotzdem, man grenzt sich zwangsläufig selbst etwas aus und wird ausgegrenzt. Das sehe ich zum Beispiel auch daran, dass meine Mutter viel seltener anruft und fragt, ob ich nicht zum Essen kommen will. Aber wenn ich in ihren Kühlschrank gucke, kriege ich auch keinen Hunger.

Fazit. Ich habe mich entwickelt. Aus meinem Bauchgefühl heraus wurde ich zum Vegetarier. Danach fing ich an, im Internet zu recherchieren, Bücher zum Thema zu lesen, Blogs zu lesen… und wurde schließlich zum Veganer. Eine Kopfgeburt. Fehler bleiben natürlich nicht aus. Manchmal oder mehrmals isst man etwas, was eigentlich nicht vegan ist. Aber man bleibt immer am Ball. Und so viel kann man nicht falsch machen, überall gibt es Hilfe. Im Internet, als Handy-App, überall verfügbare vegane Produktdatenbanken, E-Listen und was sonst noch für den Einstieg wichtig ist und der Orientierung dient. Oder man geht bei einem veganen Supermarkt einkaufen, wo man kopffrei einfach zugreifen kann. Eins kann ich jetzt schon sagen: Ein Zurück wird es nicht geben. Nur noch ein Weiter. Die alte Ledercouch wird nicht weggeworfen, aber eine neue Couch wird nicht mehr aus Leder sein. Auch die Schuhe nicht. Keine Wolle…, keine Daunen mehr in Decken. Demnächst will ich mich damit auseinandersetzen, welches Shampoo vegan ist, oder ganz im Allgemeinen was man zum Thema Tierversuche wissen sollte.
Trotzdem gibt es wie überall im Leben kleine Kompromisse. 100% Vegan ist wahrscheinlich gar nicht möglich. Meine Katzen beispielsweise kriegen weiterhin ihr Dosenfutter. Aber ich weiß auch, nach meinen Katzen kommen mir keine anderen Tiere mehr ins Haus.
Oder was bedeutet der Satz auf der Zutatenliste eines Produkts: „Kann Spuren von… enthalten“? Vegan? Nicht vegan? Ich denke, dass handhabt jeder etwas anders und ich greif bei diesen Produkten noch zu.
Oder Reichelt, Aldi, Kaisers und Netto boykottiere ich auch nicht, weil die Tierprodukte führen. Seine Freunde lässt man nicht fallen, auch wenn sie weiterhin Fleisch essen.
Genauso könnte man sich über Honig streiten, denn werden die Tiere wirklich ausgebeutet, um an den Honig zu kommen?

Wie es mir geht. Auf den Punkt gebracht: Es macht Spaß, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen. Geschmacklich muss ich auf Nichts verzichten. Ich fühl mich gesund, fit und gut! Die kleineren Zipperlein, wie die leichte Arthrose irgendwo im linken Fuß, die mich bisher bei den ersten paar Schritten am Morgen plagte, machen sich gar nicht mehr bemerkbar, fast unglaublich! – Ich mach dazu noch mehr Sport und die Regenerationszeit ist kürzer. Ich habe langsam aber stetig abgenommen und wiege mittlerweile 93 kg.
Was bleibt? Veganismus ist ein Ideal, und das Bestreben sollte sein, diesem Ideal nah oder näher zu kommen. – Wer braucht Honig, wenn es Agavendicksaft gibt?