30. Berliner Halbmarathon


Letzten Sommer hatte ich zum ersten Mal an einem allgemeinen Volkslauf teilgenommen. An dem 10km-Stadtlauf City-Nacht. Seit dem ist die City-Nacht für mich Pflichtprogramm. Für dieses Jahr stand zunächst aber der Halbmarathon als nächste Hürde fest, obwohl meine körperlichen Einschränkungen und auch mein Gewicht mich etwas zweifeln ließen, ob ich überhaupt dazu in der Lage wäre. Anfang des Jahres wog ich 113kg und ich hatte auch eine ganze Zeit nicht mehr trainiert. So setzte ich mir das Ziel, bis zum Anmeldeschluss des Halbmarathons unter Hundert Kilo zu kommen, und mich nur unter dieser Voraussetzung anzumelden. Im Januar legte ich ein ordentliches Sportprogramm ein, verzichtete auf Alkohol und Süßigkeiten und nahm ohne Probleme 10 kg ab. Seitdem blieb ich auf meinem Gewicht von 103kg sitzen, aber auch, weil ich mein Sportprogramm wieder mehr und mehr vernachlässigte. – Am 19. Februar bin ich dann aber trotz dessen zum ersten Mal die 21km am Stück gejoggt. Weil es absolut gut für mich lief, war für mich anschließend klar: Den diesjährigen 30. Berliner Halbmarathon laufe ich auf jeden Fall mit! Die Anmeldung wurde ausgefüllt und mit der Post abgeschickt. Die Wochen darauf blieb es aber bei meinem spärlichen Sportprogramm und nur weil der Tag des Halbmarathons immer näher rückte, absolvierte ich als Abschlussüberprüfung eine Woche davor, am Sonntag den 21.03., eine 20km-lange Joggingeinheit. Mit ordentlicher Quälerei schleppte ich mich mit einer Zeit von über zwei Stunden und zwanzig Minuten nach Hause. Die nächsten Tage hatte ich ordentlichen Muskelkater und eine leichte Zerrung am rechten, hinteren Oberschenkel, die erst am Freitag komplett abgeklungen war. Auch Verbrennungen an den Körperseiten und am Rücken heilten langsam ab. Das erfreuliche an der Sache war aber, dass egal wie, ich den Lauf auf alle Fälle bewältigen werde und das Ziel erreiche. Am Samstag den 27.03., einen Tag vor dem Lauf, besuchte ich die, in dem Gebäude und auf dem Flugfeld des ehemaligen Flughafen Tempelhof ausgerichtete Sportmesse “Berlin Vital“, um meine Startunterlagen abzuholen. Den ganzen Tag über aß ich nur leicht verdauliches Essen und auch nur soviel, um den großen Hunger zu stillen. Am Abend folgten dann die letzten Vorbereitungen zum Lauf. Ich packte Wechselwäsche und Laufsachen in meinen Halbmarathon-Plastiksack ein, ebenfalls eine Flasche Mineralwasser, meine Unterlagen… Und auch Heftpflaster, um eventuell meine Brustwarzen zu bekleben und damit vor Reibung zu schützen. Ich band den Champion-Chip (Zeitmesser) in den rechten Laufschuh ein und packte auch die Laufschuhe in den Plastiksack. Anschließend ging ich ausgiebig baden und cremte mich danach am ganzen Körper ein. Ich setzte noch Tee auf und versuchte, mich auch mental auf den folgenden Tag vorzubereiten, bevor ich dann schließlich in das Bett ging. Irgendwann schlief ich mehr schlecht als recht ein und wurde am nächsten Tag vom Wecker um acht Uhr aus dem Schlaf gerissen. Ich aß eine kleine Portion Haferflocken mit Wasser, ging nochmals baden und cremte mich wieder ein. Anschließend machte ich mich mit der U-Bahn in Richtung Alexanderplatz auf. Am Bahnhof und in der U-Bahn waren viele andere Gleichgesinnte, die man am sportlichen Erscheinungsbild, an Laufschuhe oder den weißen Halbmarathon-Plastiksack erkannte, und es stiegen bei jedem Halt immer wieder welche hinzu. Als die U-Bahn kurz vor 10 Uhr am Alexanderplatz ankam, waren bereits Scharren von Läufer und deren Anhang unterwegs. Als ich den U-Bahnhof verließ, hatte sich der Himmel bereits mit dunklen Wolken zugezogen und ein kalter Wind zischte über den Platz. Die ganze Woche über war absolutes Sonnen- fast Sommerwetter und pünktlich zum Wochenende und Lauf war es kalt und regnerisch. Mal wieder typisch! Ich verschaffte mir am Alexanderplatz zunächst einen kurzen Überblick und guckte mir zuerst den Startverlauf am Berliner Dom an, lief dann Richtung Rotes Rathaus und suchte hinter dem Zielbereich den von unzähligen abgestellten roten Lkw-Anhängern für mich zuständigen Anhänger aus, um meinen Plastiksack während des Laufs abgeben zu können. Als ich den richtigen Lkw-Anhänger gefunden hatte, zog ich mich wie viele andere am Anhänger um. Lange Jogginghose aus, kurze Hose an. Weißes T-Shirt aus, blaues Event-Shirt an. Laufschuhe an. Heftpflaster in die Hosentasche. Die Laufjacke wurde wegen des unbeständigen Wetters anbehalten. – Ich gab meinen Plastiksack ab. Vor dem Lauf Kurz vor halb elf traf ich mich mit meiner Mutter, meinem Bruder Marc, seiner Freundin Janine und deren Tochter am Neptunbrunnen, die zu meiner Unterstützung gekommen waren, und wir liefen dann gemeinsam zum Startbereich. Um 11:45 Uhr stand ich schon im Rattenschwanz vor der Startlinie an, meine Begleitung am Rand, und als der Regen immer kräftiger wurde, bat ich darum, nicht auf mich zu warten. Als der Startschuss fiel, trabten die insgesamt 23.800 Läufer endlich los. Mir wurde noch zugewunken und viel Glück gewünscht, anschließend lief ich über die Startlinie und der Lauf begann.
• Streckenverlauf 2010:

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Ich lief los und behielt mir im Hinterkopf, nicht zu schnell zu laufen, um am Ende nicht schlapp zu machen. Die gesamte Strecke “Unter den Linden” regnete es kräftig und ich war froh, meine Laufjacke an zu haben. Hinter dem Brandenburger Tor klarte der Himmel aber auf und die Sonne kam hervor. Bis zum Kurfürstendamm herrschte richtig frühlingshaftes Wetter mit Sonnenschein und morgendlich-frisch aber doch warmer Luft. Die Laufjacke wurde da dann doch ein wenig zur Qual und ich überlegte schon, mich der Jacke einfach zu entledigen und sie an den Straßenrand zu werfen. Aber ich behielt sie an.
Es lief trotz der Jacke gut, ich hatte keine körperlichen Probleme, mir machte es einfach richtig Spaß, mitten der anderen Läufer an dieser attraktiven Strecke mitlaufen zu können. Mittendrin heizten am Rand postierte Musikbands die Läufer ein. Mal war es eine Jazzband, mal eine Rockband, oder auch Indigos und Trommler verschiedener Couleur. Auch die zahlreichen Zuschauer klatschten und feuerten den Läufern zu. Manche hielten Transparente oder kleine Pappschilder in die Höhe, wo zum Beispiel Sätze standen, wie: “Ihr seid Alle Sieger!”. Es machte richtig Spaß, ich lief ganz ruhig und recht langsam und griff bei jedem Erfrischungspunkt nach einem Plastikbecher mit Wasser. Auch in der Läuferschar entdeckte man Leute, die Sprüche auf den T-Shirts hatten, wie: “Ich bin über 50 Jahre alt und laufe hier mit, weil meine Frau mich angemeldet hat!”, oder mit anderen interessanten Sprüchen. – Am Kurfürstendamm, die Hälfte der Strecke lag hinter mir, bemerkte ich, dass meine Brustwarzen aufscheuerten, ließ es aber sein, die Heftpflaster aufzukleben (wenn sie denn überhaupt gehalten hätten, bei dem Schweiß), weil ich es nicht als sehr unangenehm empfunden hatte. Kurz vor dem ZielAb Kilometer 17 aber, am Potsdamer Platz, wurde es wieder kalt und windig, regnete aber zum Glück nicht, und die Beine wurden merklich schwerer. Auch die Brustwarzen begannen zu bluten und unangenehm zu schmerzen. Ab da hoffte ich auf jede weitere Kilometermarke, auf jedes weitere Schild, welches den aktuellen Kilometerstand angab, und zählte ab, nur noch so und soviel Kilometer vor mir zu haben. Als ich endlich, nach zwei Stunden und dreizehn Minuten, über die Ziellinie laufen konnte, war ich doch froh, es endlich geschafft zu haben, aber vor allem glücklich.
Hinter dem Zielbereich trank ich noch an den Verpflegungsstationen einige Becher Wasser und Zitronentee und aß zwei Bananen. Dann wurde mir meine Medaille um den Hals gehängt und ein Siegerfoto wurde gemacht. Schließlich gönnte ich mir noch einen halben Liter alkoholfreies Bier, holte meinen Plastiksack ab, erhielt meine provisorische Urkunde und machte mich dann auf dem Weg nach Hause.
Zu Hause gönnte ich mir ein volles Bad, cremte dann die leichten Verbrennungen ein und stellte mich auf die Waage, die das erste Mal seit einigen Jahren ein Gewicht von unter Hundert Kilo, genau 99,5kg, anzeigte!
- Das ist jetzt zwei Wochen her: Nach dieser sportfreien Erholungsphase wiege ich wieder meine 103kg. Meine leichten Blessuren sind auch wieder verheilt. Und jetzt ist schon gewiss: Nächstes Jahr auf jeden Fall wieder! Dann aber mit abgeklebten Brustwarzen. Mit Pulsuhr. Und mit dem Ziel unter zwei Stunden zu kommen!

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30. Halbmarathon Ergebnisse:
Name: Augstein, Andreas Wolfgang. Startnummer: 3308. Platz: 11676. Altersklasse: M30. Altersklassen-Platz: 1452. Netto: 02:13:49. Brutto: 02:29:11. Zeit pro km: 06:20. Geschwindigkeit: 9.46 km/h.

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1 Kommentar zu „30. Berliner Halbmarathon“

  1. Auge sagt:

    Dun willst mich ja nur aufziehen! :-)
    Die besten Geschichten schreibt halt immer noch das wahre Leben! ;-)
    - Mehr von den Brustwarzen? Gott sei Dank hatte ich kein weißes T-Shirt angehabt! …

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