
Der Mensch, heißt es, sei das einzige Wesen, das sich beim Leben zuschauen kann. Nur bis zu einem gewissen Grad, könnte man einwenden. Das Wichtigste vom organischen Leben, Nervenchemie und Zellgeschehen, entgeht – bis jetzt, gottlob – dem Selbstbewußtsein. Es ist gleichsam selbst ein angepaßtes Organ. Wir sehen uns gewöhnlich nicht mehr beim Leben zu, als es für dieses zuträglich ist. Wäre es anders und nähme plötzlich das Selbstbewußtsein übermäßig zu, indem wir etwa zugleich noch wüßten, wie wir wissen, dann wäre die Passung wohl beschädigt und wir könnten ohne nachzudenken nicht atmen.

Neue Nationalgalerie: Thomas Demand.
(18.September 2009 – 17.Januar 2010)
Ich wusste nur, dass der Künstler 1964 geboren wurde und in Berlin lebt. Nur, das es 2005 eine Aufsehen erregende Ausstellung in New York gab. Und nur, das der Künstler Deutscher ist und den Stoff deutscher Geschichte und Ereignisse in seinen Werken verarbeitet.
All das erfuhr ich nach dem Stein des Anstoßes. Nämlich als im Sommer Plakate mit dem „Badezimmer“ -Motiv, die zum Anfang der Ausstellung in der Stadt verteilt um Aufmerksamkeit warben, meine Neugier weckten.
All das wusste ich. Alles das und nicht mehr, als ich mich heute auf den Weg zur Neuen Nationalgalerie machte. Es ist oft viel schöner sich überraschen zu lassen, wenn man seinen eigenen Eindrücken freien Raum zur Entfaltung lässt, und erst dann nach dem Drumherum der Sache lauscht.
- Aus einigen Metern Entfernung glaubte ich, dass die Bilder einfache Fotografien sind. Doch bei näherer Betrachtung fiel mir auf, das die Oberflächen der abgebildeten Gegenstände nichts subjektives an sich haben – keine Schriftzüge, keine Handschriften, keine Aufdrücke -, das alles glatt ist, glänzend, irgendwie perfekt. Man sieht eine unwirkliche Reinform, als ob die Darstellung der Idee der Objekte und nicht die Objekte selber den Fokus setzen. Dabei wirken die Bilder, mit Titeln wie „Badezimmer“, „Büro“ oder „Klause“, so leblos und unwirklich, dass ich nicht glauben konnte, es handele sich um Fotografien.
In, mitten der Räume gestellte, Schaukästen liegen große, aufgeschlagene Bücher aus. Auf weißem Papier stehen dann der Name des betreffenden Bildes und dazu ein mal poetischer, mal philosophischer, aus der Ferne geschriebener, Text. Mal in perfekter Symbiose ergreifend, aufwühlend, doch hin und wieder auch verfehlend und schlecht.
Einige Bilder haben mich in den Bann gezogen, ob ihrer Unklarheit in der verfassten Klarheit, ihrer Uneindeutigkeit in Eindeutigkeit. Das Rätseln blieb, doch am Ende stellte ich fest, dass auch ich aus der Ferne betrachtete und bewertete. Als speziell deutsches Thema (oder vielmehr als bekanntes mediales Foto) habe ich keines der Werke wieder erkannt.
Ein Besuch lohnt. Mit Unwissenheit wahrscheinlich mehr, denn dann gibt es am Ende ein Aha-Erlebnis. Die ausstellungseigene Aufklärung sollte mittels vor Ort erhältlicher (kostenloser) Broschüre erst nach dem ersten Rundgang erfolgen. Dann kann man getrost ein zweites Mal durch die Ausstellung schlendern und seinen neu dazu gewonnenen Wissenstand bei der Betrachtung der Bilder mit einbringen. Viel Zeit braucht man nicht, denn nicht mehr als 40 Werke des Künstlers sind ausgestellt. Der Eintrittspreis von 8 Euro ist meiner Meinung zuviel, 5 oder 6 Euro wären fair gewesen, so dass ein Kombiticket für 12 Euro (plus Ausstellung „Bilder Träume“) zu empfehlen ist.
Wer mehr erfahren will und nicht vorhat, die Ausstellung zu besuchen, dem ist der nachfolgende Fernsehbeitrag ans Herz gelegt:
Video auf YouTube.de

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