Gebranntes Kind

Melancholisches Herbst-Winter-Gefühl Vorschaubild öffnen
Ich liebe meinen Stadtbezirk, weil ich dort meine Einsamkeit verleben kann. Stille regiert in meinem Stadtbezirk, wie in einem kleinen Dorf am Rande der Zivilisation, gemütliche Stille. Man kennt sich – man kennt mich… – Oberflächlich genug, Tiefe finde ich in meinen vier Wänden.
Die Wogen der Wellen – Aufgeregtheiten und das Glitzern der Stadt lese ich aus der Zeitung. Trubel und Lärm dringen nicht bis an meine Ohren. Ich liebe meinen Stadtbezirk… Er ist meine Oase der Stille.
Manchmal liebe ich den Zoologischen Garten – dann treibt es mich zu ihm. Ich besuche ihn am liebsten in einer kalten nieselregnerischen Nacht. Dumpf spiegeln sich dann die Lichter auf die regenbenässten Plätze. Ein Gefühl von Aufgeregtheit und Glitzern macht sich in mir breit und mischt sich mit meiner Melancholie. Den Rahmen am Ende der Weite bilden die einnehmenden Hausfassaden mit ihren kulturellen Leuchtreklamen. Ich bin der Star und der Beobachter zugleich. Ich liebe diese Oberflächlichkeiten, und ich liebe es, in den Wogen aus zielstrebigen Menschenmassen zu treiben, ziellos zu treiben. Gestylte Gruppen sind auf dem Weg nach Irgendwo, ein Irgendwo mit Lachen und Spaß haben – sie treiben gedankenlos vergnügt an mir vorbei. Auf dem Breitscheidplatz spricht mich der Dealer an, um mir Gras anzubieten. Mit einer ablehnenden Handbewegung laufe ich an ihm vorbei. Wenn nichts dazwischen kommt, dann spricht mich keiner mehr an diesem Abend an. Ich trinke noch einen Kaffee und beobachte das an mir vorbei flanierende Volk. Es gibt viel zu sehen, den Musiker am U-Bahn-Gleis, der für seine Darbietungen auf Kleingeld hofft. Die Obdachlosen, die ihr Billig-Bier konsumieren und Hunde streicheln. Rumänische Frauen die Passanten anbetteln und am Weitergehen hindern. Den Beate-Uhse-Store, Mc-Donalds, Kino, Schaufensterscheiben von Mode-Boutiquen, Kunst- und Bücherläden – und überall verstreute Gedenktafeln. Mittendrin immer wieder modisch und schick gekleidete Menschen auf 200km/h. Nach wenigen Stunden begebe ich mich zurück, zurück nach Hause. In der U-Bahn sitze ich mit dem Gefühl, genug gesehen zu haben – ob ich mal Erleben will, weiß ich nicht. Ich liebe Spaziergänge in der Nacht – Ich liebe den Zoologischen Garten – Vorallem aber meinen Stadtbezirk.

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