
Leserbrief (Blogbrief) zu einem Artikel der FAZ-Sonntag,
“Erlebte Gewalt. Leser berichten: Angst, Überfälle, keine Hilfe“:
Es gehört zu meiner Alltagserfahrung, Gewalt auf Bahnhöfen, in Zügen und in Bussen mitzubekommen und zu erleben. Ich lebe in Berlin und nutze den öffentlichen Nahverkehr fast täglich. Ich habe bereits genug erlebt, um seitenweise Papier mit meinen Erlebnissen zu füllen. Ich dachte eigentlich immer auch ein wenig, dass es an mir liegt. Aber die Geschehnisse der letzten Monate, die durch die Presse gingen, beweisen doch, das Gewalt in der U-Bahn zum Alltag gehört. Der Umstand wird einfach tot geschwiegen, erst ein eklatanter Fall wird öffentlich. Die Verkehrsbetriebe müssen zusehen, schwarze Zahlen zu schreiben, und so verwahrlosen Bahnhöfe, streift das Wachpersonal in geringer Stärke… Vor einigen Wochen schrieb ich eine E-Mail an die Berliner Senatsverwaltung, weil ich immer wieder Leute sehe, die auf den Bahnhöfen rauchen, auch mal in den Zügen selbst, und manchmal auch in größeren Gruppen. Ich wollte wissen, warum nur spärlich das Nichtraucherschutzgesetz umgesetzt wird, warum ich nicht mal eine Streife des Ordnungsamtes in irgendeinem Bahnhof gesehen habe… Bei der Antwort wurde mir bestätigt, das Rauchen auf Bahnhöfen eine Ordnungswidrigkeit ist, doch der mir antwortende Sachbearbeiter erläuterte aus seiner eigenen Erfahrung heraus, dass es zu keinen Verstößen komme und sich eigentlich jeder an das Rauchverbot halten würde. Lachhaft! Es sind nicht nur die Jugendlichen, es sind die Trinkerklicken, welche auf manchen Bahnhöfen ihre Treffpunkte haben, es sind die Dealer und die Konsumenten von Drogen aller Art. Oftmals beginnt es mit einem Spiel oder mit kleineren Grenzverletzungen. Mancher macht auf gefährlichen Mann und testet aus, wann sein Gegenüber endlich vor Demut zu Boden blickt, oder er verhält sich soweit daneben, dass Andere regelrecht dazu genötigt werden, ihn rechtweisen zu müssen. Ich hasse diese Spiele, weil ich nicht den Duckmäuser spielen kann. Und alle anderen Reaktionen, als die eines Duchmäusers, werden dann übel und gefährlich angegangen. Diese Spiele werden fast überall gespielt, fast mit jedem. So etwas regt mich auf und ich lasse mich da ab und zu hinreißen, den Spieß umzudrehen. Angst habe ich selten. Aus mehreren Jahren “Leistungssport” und “Kampfsport” schöpft man Selbstvertrauen. Deswegen spreche ich die Leute auch mal an. Beispiele: Vor einigen Monaten rauchte ein betrunkener Hertha-Fan in der voll besetzten U-Bahn, keiner sagte etwas. Ich bin aufgestanden und habe ihn höflich angesprochen, die Zigarette auszumachen. Er weigerte sich einfach und wollte mich links liegen lassen. “Wenn du nicht von der BVG bist, hast du mir eh nichts zu sagen!”. Diesen Spruch hört man in solchen Fällen öfter. – Es bleibt aber nicht dabei, wenn man sich einmischt, dann gerät man unweigerlich in Auseinandersetzungen. Ich hatte mal einen Jugendlichen spät abends in der Bahn gebeten, seine Pistazienkerne nicht auf den Boden fallen zu lassen, das Ende vom Lied war, das er mit seiner Gruppe genau wie ich am Endbahnhof ausgestiegen ist und mit einer Bierflasche auf mich los wollte. Es entstand das übliche Spiel, seine Freunde haben ihn, “großmütig” mir gegenüber, von seinen Taten abgehalten. Ich bin Vorausgelaufen und stand dann oben vor der Bushaltestelle. Dort muss auch der Treffpunkt der Jugendlichen gewesen sein. Er stand mir schließlich gegenüber und hat gedroht, mir auf die Fresse zu hauen. Aufgrund der Anzahl seiner Freunde, die mich ständig umkreisten, hatte ich wirklich Angst gehabt, pokerte aber soweit, dass ich ihm klar machte, zumindest ihn noch ernsthaft zu verletzen, wenn er mit der körperlichen Auseinandersetzung beginnt. Es ging gut, ich konnte alleine in den nächsten Bus einsteigen und fuhr davon. Einige Unbeteiligte waren Zeugen, stellten sich jedoch blind. Ich will nicht wissen, was sie gemacht hätten, wenn ich körperlich angegriffen worden wäre. Ein anderes Mal bin ich sonntags früh zur Bushaltestelle gelaufen und sah einen Jugendlichen, der sichtlich betrunken auf die Sitze pinkelte. Ich war richtig angefressen, zumal auch ein Pissoir-Häuschen in der Nähe war. Ich rief ihm zu: “Kannst du nicht woanders hinpissen, du besoffenes Arschloch!” (Wo ist mein höflicher Ton? Aber ein Arschloch ist er nun mal gewesen.) Er drehte sich um, stellte sich vor mich und fragte: “Hast du mich gerade angemacht?” Auch seine zwei Freunde kamen hinter der Bushaltestelle zum Vorschein und stellten sich links und rechts neben mich. Na super. Es dauerte nicht lang, nachdem die sich alle postiert hatten, bekam ich von rechts einen Faustschlag in das Gesicht, und gleich danach von den Typen vor mir mit einem Gegenstand auf den Kopf. Ich wehrte mich sofort aktiv und schlug dem in der Mitte mit der Faust auf den Mund. Der torkelte nach hinten weg. Ich drehte mich nach rechts und attackierte den Anderen mit Fußtritten. Dieser wendete mir den Rücken zu und ging in eine Schutzhaltung über. Der Letzte von Dreien hatte nichts gemacht und mischte sich auch nicht ein. In dem Moment rief ein Angestellter von der Straßenreinigung, der mit seinem Kleinfahrzeug den Gehweg säuberte, und den ich zuvor gar nicht wahrgenommen hatte: “Du hast dein Recht gekriegt, hör auf, sonst ruf ich die Bullen!” Die körperliche Auseinandersetzung war plötzlich vorbei. Das Arschloch hatte sich von meinem Treffer erholt, blutete aber aus der Fresse, und war immer noch sehr aggressiv. Ich konnte mich aus der Sache lösen und stieg in den Bus, als dieser ankam. Ich freute mich darüber, dass, wenn Arschloch erstmal seinen Rausch ausgeschlafen hatte, er ordentliche Schmerzen haben wird. Tja, – das waren nun einige Geschichten, eigene Erlebnisse…
Ich finde es gut, dass man posthum Dominik Brunner das Bundesverdienstkreuz verliehen hat. Es ist eine symbolische Geste. Leider nicht mehr, es ist eine Geste, die ihn seiner Familie nicht zurück bringt. Appelle an die Zivilcourage sind nötig, aber auch Happy Ends mit lebenden Helden. Die öffentliche Debatte führt scheinbar zu keinem Ende und wird demnach auch nichts bewegen. Ich weiß nicht, wie es weiter geht… ich werde mich aber weiterhin einmischen und die Augen offen halten.